{"id":459,"date":"2012-11-22T11:18:38","date_gmt":"2012-11-22T11:18:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.matthiaschenk.de\/?p=459"},"modified":"2024-05-14T17:36:30","modified_gmt":"2024-05-14T15:36:30","slug":"eine-kleine-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.matthiaschenk.de\/?p=459","title":{"rendered":"Eine kleine Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte ist zwar klein, aber der Weg bis hierhin war steinig und lang. Zuerst wurde sie mir von meinem Freund J\u00fcrg erz\u00e4hlt und von da an hat sie mich nicht mehr losgelassen. Immer wieder habe ich nach einer Quelle gesucht und nun hat J\u00fcrg f\u00fcr mich diese Mitschrift gefunden. Bei der Heinrich Jacoby &#8211; Elsa Gindler &#8211; Stiftung in Berlin gibt es ein Tondokument. Alexander Granach erz\u00e4hlt die Geschichte. Wenn ich auch davon eine Kopie habe, wird die kleine Geschichte auch hier h\u00f6rbar.<\/p>\n<p>Eine kleine Geschichte, die Alexander Granach in einem Kurs bei Heinrich Jacoby erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Im kleinen St\u00e4dtchen Chelm, in Polen, lebte ein sehr armer Mann, Mojsche Mendels, der eine gro\u00dfe Sehnsucht hatte: er w\u00fcnschte sich einmal in seinem Leben in Warschau zu sein. Er hatte eine Frau und sechs Kinder und eines Tages machte er sich auf die Reise. Er ging fr\u00fchmorgens um sechs Uhr weg, mit der Landstrasse, die nach Warschau f\u00fchrt. Als es Abend wurde, legte er sich schlafen. Damit er aber den Weg nicht verfehlte, legte er sich mit den F\u00fc\u00dfen in der Richtung, die nach Warschau f\u00fchrt. Er schlief ein, und tr\u00e4umte was und drehte sich um. Am n\u00e4chsten Morgen wachte er auf, und richtig, er wu\u00dfte die Richtung nach Warschau ganz genau. Er liegt ja mit den F\u00fc\u00dfen in der Richtung nach Warschau. Und so stand er auf und ging nach Warschau. Er ging einen ganzen Tag, und gegen Abend sieht er mit einem Mal Warschau. Aber merkw\u00fcrdig, wie \u00e4hnlich doch Warschau zu Chelm ist! Genau dieselbe Kirche an deren Kuppel zwei Ziegelsteine fehlen. Er kommt n\u00e4her \u2013 derselbe Kirchturm, in dessen Kuppel zwei Ziegelsteine fehlen, genau wie in Chelm. Ja der Prellbock, der Grenzstein ist derselbe wie in Chelm und der H\u00fcter dieses Grenzblockes hei\u00dft Hayet Treuter, ist heiser, hat eine rote Nase und spricht genau so wie der W\u00e4chter in Chelm. Er geht weiter, kommt in die Stadt und sieht \u2013 was ist denn das? Der Marktplatz sieht genau so aus wie in Chelm: Links der Fris\u00f6rladen, der B\u00e4cker, der Kr\u00e4mer. \u201eDa bin ich doch neugierig\u201c, sagt er und geht weiter, \u201eob wohl die dritte Gasse so aussieht wie meine Gasse in Chelm? Richtig, sie sieht genau so aus!\u201c Und da steht ein Haus, und das sieht genau so aus wie sein H\u00e4uschen, in dem er wohnt in Chelm. Er geht rein und da ist eine Frau, da sind sechs Kinder. Die Frau heisst Sue, genauso wie seine Frau in Chelm, die Kinder heissen Mojsche, Laschaja, Lajanka, Mojankalo, Veralo, Ruleika und so weiter, genau so wie seine Kinder in Chelm. Und noch mehr : Sie nennen ihn Papa. Sie sagen zu ihm Vater und die Frau fr\u00e4gt ihn: \u201eDu, sag mal, hast du schon die drei Rubel, die wir brauchen  f\u00fcr Schabes?\u201c- genau wie seine Frau in Chelm! Und er nimmt raus die Kasse, geht zum reichen Meier und \u2013 es ist ein reicher Meier da wie in Chelm und er sagt: \u201eHerr Meier, wollen Sie mir leihen drei Rubel auf Schabes und Feiertag?\u201c Und Meier sagt: \u201cDu Hund, du verfluchter. du arbeitest nicht, zum letzten Mal leih ich dir heute ein Rubel fufzig\u201c \u2013 genau so wie der Meier in Chelm spricht er zu ihm und gibt ihm den Rubel fufzig. Und er bringt es nach Hause und die Frau macht Schabes, Und er bleibt \u00fcber Schabes da, und bleibt Sonntag und Montag und Dienstag und Mittwoch, er blieb ein Monat und ein Jahr, ach es war so gem\u00fctlich, und sie liessen ihn auch nicht weg. Die Kinder spielten mit ihm wie die Kinder zu Hause, die Frau fluchte wie die Frau zu Hause. Da blieb er da sein ganzes Leben lang \u2013 Aber in seinem Herzen, ganz still, wenn er ganz allein war und dar\u00fcber nachdachte, hatte er eine unheimliche Sehnsucht zur\u00fcck nach Hause, nach Chelm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte ist zwar klein, aber der Weg bis hierhin war steinig und lang. Zuerst wurde sie mir von meinem Freund J\u00fcrg erz\u00e4hlt und von da an hat sie mich nicht mehr losgelassen. Immer wieder habe ich nach einer Quelle gesucht und nun hat J\u00fcrg f\u00fcr mich diese Mitschrift gefunden. 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