{"id":504,"date":"2013-04-02T14:18:08","date_gmt":"2013-04-02T14:18:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.matthiaschenk.de\/?p=504"},"modified":"2024-05-14T17:36:30","modified_gmt":"2024-05-14T15:36:30","slug":"theaterkritik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.matthiaschenk.de\/?p=504","title":{"rendered":"Theaterkritik"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;So kapitalistisch wie das Theater f\u00fchrt sich kein mittelst\u00e4ndisches Unternehmen auf.<br \/>\nIn der selbstreferenziellen Welt der Theaterschaffenden und Theaterkritiker \u2013 welche selbst mehr Teil denn kritische Begleiter des Betriebes sind \u2013 scheint es mir gelegentlich am Blick von drau\u00dfen, am Perspektivwechsel zu fehlen. Die wichtigsten Menschen f\u00fcr Theater, so steht es jedenfalls in den schwurbeligen Intendantentexten, seien die Zuschauer, f\u00fcr die ja schlie\u00dflich Theater gemacht werde. Abgesehen davon, dass mich da gelegentlich arge Zweifel beschleichen, ob Theater wirklich f\u00fcr Zuschauer gemacht wird, hat das Publikum keine Stimme. Man stimmt mitunter mit den F\u00fc\u00dfen ab, Theaterabos werden gek\u00fcndigt oder neu erworben. In Publikumsgespr\u00e4chen geht es \u00fcber sch\u00fcchterne Fragen zwischen langen Bl\u00f6cken Dramaturgen-Sprechs selten hinaus.<br \/>\nIch m\u00f6chte hier meinen Blickwinkel als Zuschauer und aus der Perspektive eines Verantwortlichen f\u00fcr ein mittelst\u00e4ndisches Unternehmen darzulegen, auch und besonders auf das Theater als Betrieb, als Unternehmen und seine Unternehmenskultur.Unternehmenskultur in deutschen Theatern scheint mir im Wesentlichen autorit\u00e4re F\u00fchrung durch einen Intendanten zu sein, der f\u00fcr den Zeitraum seines Vertrages tempor\u00e4re Unfehlbarkeit erhielt. Selbstverst\u00e4ndlich sieht man sich politisch links, jedenfalls gesellschaftskritisch, will die Fragen der Zeit aufgreifen, will politisch relevantes Theater machen, so oder so \u00e4hnlich liest man es in jedem Spielzeitheft. Man reckt die virtuelle Arbeiterfaust, aber f\u00fcr die F\u00fchrung des eigenen Unternehmens hat die politische Grundhaltung keine Relevanz. Da wird in bester CEO-Manier die Produktivit\u00e4t gesteigert, mehr Vorstellungen und Produktionen mit bestenfalls gleichbleibender Ensemblest\u00e4rke: Wenn es letzte Spielzeit ging, dass ein Schauspieler zehn St\u00fccke parallel macht, dann wird es in der n\u00e4chsten Spielzeit doch auch mit zw\u00f6lf St\u00fccken gehen. Da l\u00e4sst man sich als Intendant gerne feiern (oder tut es im Zweifelsfalle gleich selbst), dass man noch nie so viele Vorstellungen wie in der abgelaufenen Spielzeit hatte und noch nie so viele Zuschauer erreichen konnte und gelobt \u00abKostendisziplin\u00bb bei weiter steigender Produktivit\u00e4t. Kapitalistische Ausbeutung ist das nur, wenn es die anderen tun.<br \/>\nDie Schere \u00f6ffnet sich immer weiter. Auf der einen Seite ist das Prekariat der Schauspieler, die von Vertragsverl\u00e4ngerung zu Vertragsverl\u00e4ngerung hoffen (sofern sie nicht ohne\u00acdies \u00abfrei arbeiten\u00bb, ein netter Ausdruck f\u00fcr die aparte Mischung aus Hartz IV, berufsfremden Gelegenheitsjobs und gelegentlichen St\u00fcckvertr\u00e4gen). Und auf der anderen Seite die Riege der Jet-Set-Regisseure, denen an allen H\u00e4usern der rote Teppich ausgerollt wird und deren \u00fcppige Gagenforderungen gerne bedient werden. Das kann man ja alles akzeptieren, das Theater als Spiegelbild der Gesellschaft, aber dann muss man das auch sagen und sich nicht in heuchlerischer Verlogenheit als Kapitalismuskritiker stilisieren.<br \/>\nTechnik, Maske, Verwaltung, da wird flei\u00dfig gearbeitet und zumeist schlecht verdient, aber hier gelten die Regeln eines normalen Betriebes, Arbeitsvertr\u00e4ge, K\u00fcndigungsschutz, Arbeitszeitgesetz und all diese Rand- und Rahmenbedingungen, die f\u00fcr Unternehmen eben ganz selbstverst\u00e4ndlich sind. F\u00fcr Schauspieler gilt das alles nicht. Vertr\u00e4ge werden so geschlossen, dass der nachfolgende Intendant das bestehende Ensemble m\u00f6glichst r\u00fcckstandsfrei entsorgen kann. Bevor Unk\u00fcndbarkeit \u2013 nach 15 Jahren \u2013 droht, wird ein Vertrag flugs gek\u00fcndigt oder zumindest unterbrochen, aus \u00abk\u00fcnstlerischen Gr\u00fcnden\u00bb selbst\u00acverst\u00e4ndlich. Ensembles werden immer j\u00fcnger, um mit Anf\u00e4ngergagen Geld zu sparen. Wenn man tats\u00e4chlich mal eine \u00abalte Frau\u00bb jen\u00acseits der 40 braucht, kann man die ja als Gast zukaufen, der Markt an frei arbeitenden Schau\u00acspielern ist riesig, die Bedingungen k\u00f6nnen fast beliebig diktiert werden (gerne: Bezahlung pro Auff\u00fchrung, Proben unbezahlt).<br \/>\nDie Grundlagen abendl\u00e4ndischer Kultur und H\u00f6flichkeit d\u00fcrfen hintangestellt werden, wenn es um den Umgang mit Schauspielern geht. Der neue Intendant, der erstmals \u00absein\u00bb neues Haus betritt und die Kontaktaufnahme dort angetroffener Mitarbeiter quittiert: \u00abBleiben Sie ruhig sitzen, ich interessiere mich nur f\u00fcrs Mobiliar!\u00bb Die Praxis, auf Bewerbungen von Schauspielern gar nicht zu reagieren, noch nicht einmal mit einer Absage. Das Ignorieren von Gespr\u00e4chsw\u00fcnschen, Regieren nach Gutsherrenart, der Besetzungszettel kommt per Mail und ohne Kommentar. Die Drohung mit der Nichtverl\u00e4ngerung, es sei denn, die Schauspielerin jenseits der 35, zu der einem nach jahrelanger Zusammenarbeit urpl\u00f6tzlich \u00abk\u00fcnstlerisch nichts mehr einf\u00e4llt\u00bb, sei bereit, wieder auf die Mindestgage zur\u00fcckzugehen. Das schamlose Bedrohen und Verunglimpfen von Darstellern, wenn diese auf ihren ohnedies sp\u00e4rlichen Rechten bestehen. Die Frechheit, einer schwanger gewordenen Schauspielerin hinzuwerfen, sie mache jetzt wohl \u00abeinen auf Sozialfall\u00bb. Die Kultur der Zutr\u00e4gerschaft, das Ermuntern von Denunziantentum in sch\u00f6ner Tradition vergangen geglaubter Stasi-Zeiten.<br \/>\nEinhalten vereinbarter Probezeiten? Ach, wenn der ber\u00fchmte Regisseur gerade nebenan an der Oper inszeniert, dann kann er ja zwischendrin auch am Schauspiel ein St\u00fcck machen, die Schauspieler sind auf Abruf jederzeit verf\u00fcgbar. Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Nicht so wichtig, denn wer kann von einem Schauspielergehalt schon eine Familie ern\u00e4hren? Ohnedies k\u00f6nnen \u2013 Theater muss authentisch sein! \u2013 viele Rollen am besten von Laien gespielt werden.<br \/>\nIch gehe seit fast 40 Jahren ins Theater, erinnere mich an beeindruckende Bilder, an dramatische Abende, an ber\u00fchrende Geschichten, an wunderbare Inszenierungen, starke Emotionen und, ja, auch an gute Unterhaltung. Ich w\u00fcnsche mir, dass dieses sehr spezielle deutschsprachige Theater Zukunft hat. Dazu braucht es nicht nur Geld, sondern auch Wertsch\u00e4tzung, F\u00fchrungskultur und den respektvollen Umgang mit den K\u00fcnstlern, die Abend f\u00fcr Abend verk\u00f6rpern, was wir Zuschauer sehen wollen.<br \/>\nEs zeugt von hoher Kunst des Doppeldenkens, gleichzeitig Kapitalismuskritik zu \u00fcben und seinen eigenen Laden in so entspannter Fr\u00fchkapitalisten-Manier zu f\u00fchren, wie es in anderen Unternehmen schon lange nicht mehr m\u00f6glich und \u00fcblich ist. Das Unternehmen, f\u00fcr das ich Verantwortung trage, w\u00e4re schon l\u00e4ngst pleite, w\u00fcrden wir unsere Leistungstr\u00e4ger so behandeln, wie das die Theater mit den ihren tun.&#8220;<br \/>\nChristoph Eingartner, Leserbief, Theater heute, 2\/2013, Chefarzt der Klinik f\u00fcr Orthop\u00e4die und Unfallchirurgie und \u00c4rztlicher Direktor der Gesundheitsholding Tauberfranken mit circa 2.000 Mitarbeitern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;So kapitalistisch wie das Theater f\u00fchrt sich kein mittelst\u00e4ndisches Unternehmen auf. In der selbstreferenziellen Welt der Theaterschaffenden und Theaterkritiker \u2013 welche selbst mehr Teil denn kritische Begleiter des Betriebes sind \u2013 scheint es mir gelegentlich am Blick von drau\u00dfen, am Perspektivwechsel zu fehlen. 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