Kömmt dan Wahrheit mutternackt gelaufen …

Clemens von Brentano
Wenn der lahme Weber träumt

Wenn der lahme Weber träumt, er webe,
Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,
Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,
Daß das Herz des Widerhalls zerspringe,
Träumt das blinde Huhn, es zähl’ die Kerne,
Und der drei je zählte kaum, die Sterne,
Träumt das starre Erz, gar linde tau’ es,
Und das Eisenherz, ein Kind vertrau’ es,
Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,
Wie der Traube Schüchternheit berausche;
Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen,
Führt der hellen Töne Glanzgefunkel
Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel,
Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen,
Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien
Der erwachten Nacht ins Herz all schreien;
Weh, ohn Opfer gehn die süßen Wunder,
Gehn die armen Herzen einsam unter!

Eine Studie von Forschern aus Bonn, Mainz, Frankfurt und Harvard hat jetzt überraschende Befunde zum Träumen und Traumdeuten vorgelegt (Ursula Voss, Inka Tuin, Karin Schermelleh-Engel und Allan Hobson, „Waking and dreaming: Related but structural independent“, in: Consciousness and Cognition 2010; doi:10.1016/j.concog.2010.10.020). Ihr zugrunde liegen Träume von nichtbehinderten Personen im Vergleich zu solchen, die von Geburt an taubstumm oder gelähmt sind. Zwei Woche lang schrieben die Probanden ihre Traumerinnerungen nieder, und sie beantworteten Fragen dazu.
Dabei zeigte sich, dass beispielsweise Taubstumme zwar öfter von sich selbst und öfter die Farbe Blau träumen als die Nichtbehinderten, dass aber „Sprechen“ und „Hören“ oder vergleichbare Sachverhalte, die man auf ihre Behinderung beziehen kann, bei ihnen kein häufigeres oder selteneres Traummotiv sind. Auch von Geburt an Taube träumen also von Musik, der Stimme ihres Vaters, Stille oder einem Knall.
Dasselbe galt für Gelähmte, die nicht öfter und nicht seltener als voll Bewegungsfähige im Schlaf von eigenen Bewegungen (Laufen, Rennen, Fliegen) träumen. In nicht einem einzigen Traum erschien der Träumende sich selbst als gelähmt. Träume, in denen jemand an einen Rollstuhl gefesselt war, wurden nur von Nichtbehinderten geträumt, kam ein Rollstuhl bei den Behinderten vor, so stand er nur herum oder der Träumer konnte sich aus ihm erheben. Träume, in denen Taubstummheit eine Rolle spielte – immerhin gut zwanzig Prozent aller aufgezeichneten Träume -, waren immer Träume von Leuten, die hören und sprechen können.
FAZ 22.12. 2010, Jürgen Kaube

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