Erinnerungen

„Schauen wir auf die Art, wie Erinnerungen in uns auf- und abfluten, so bemerken wir ihr seltsames Eigenleben. Keineswegs ruhen sie still in einer Art Seele-Kommode mit vielen verschiedenen Schubladen, welche je nach Bedarf geöffnet, durchstöbert und mit energischem Ruck auch wieder verschlossen werden können. Wer kennt nicht die unliebsamen Momente, da – an ganz unpassenden Stellen – plötzlich ungerufene Erinnerungen auftauchen! Oder wir suchen dringend, uns zu erinnern, aber wir mühen uns vergeblich. Wir haben vergessen.

Indem eine Erinnerung, ob gewollt oder ungerufen, in unserem Bewußtsein auftaucht, tritt etwas Vergangenes in die Gegenwart herein. Wir „vergegenwärtigen“ uns im Erinnerungsbild ein Geschehen. Was ein anderer vielleicht vor Jahren zu uns sprach, hören wir, erinnernd, jetzt wieder. Und unter Umständen verstehen wir sogar erst jetzt so recht, was er damals mit seinen Worten meinte. Intensiver als seinerzeit erleben wir oft im Erinnern das ursprüngliche Ereignis. Woher rührt nun diese gesteigerte Wirklichkeit?

Nicht die Bilder, sondern Keime werden „abgelagert“. Etwa wie Samen, wie Spuren, wie Engramme, wie Schriftzeichen. Und so wie ein Sonnenblumenkern vollständig anders aussieht als die entfaltete Sonnenblume, so sehen auch diese Keime völlig anders aus als die Erinnerungsbilder.“

Barbara Wagler, Pfarrerin, „Von der Wirklichkeit der Evangelien“; Die Christengemeninschaft 6/2012