Mißverstehen und gut gemeint

Am 23. August 1984 – vor 30 Jahren – schreibt Hugo Kükelhaus (1900 – 1984) einen Brief an Jolanda Rodio (1914 – 2000). Jolanda Rodio war unsere Lehrerin und Meisterin, ich war 4 Jahre Schüler an ihrer Schule Totales Theater in der Kulturmühle Lützelflüh im Emmental/Schweiz. Das Jahr 1984 war ein sehr intensives Jahr mit Hugo Kükelhaus und wir haben sein Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne in unserer Schule aufgebaut, inszeniert und organisiert. Das wurde dann meine Abschlußarbeit, mein Gesellenstück. Und jetzt komme ich zur Sache. Eine Unterrichtsstunde mit Jolanda wurde unterbrochen und ich hatte in einer langen Weile die Gelegenheit einen handgeschriebenen Brief von Hugo Kükelhaus an Jolanda zu lesen. Und ich weiss nicht mehr, ob ich dazu die Erlaubnis hatte! Auf jeden Fall habe ich eine Passage aus dem Brief abgeschrieben. Jetzt, nach 30 Jahren, zur Vorbereitung zum 100sten Geburstag von Jolanda habe ich in meinen Tagebüchern diese Abschrift gefunden:
„(…) Jetzt etwas, was Sie als Theatermenschen angeht: das Einander-Mißverstehen und das sich-selbst ebenfalls Mißverstehen ist die unaustauschbare Bedingung (des sich und den Anderen) Verstehens. Es ist Grundbedingung des Dia-logischen Lebens. Es ist Ureigenschaft der Sprache – was sie unterscheidet von jeder Art der Informatik: In gespannten Divergenzen aneinander „vorbei zu reden“. Die Sprache ist nicht Mittel zur informativen Verständigung, sondern Entwicklung und Bestätigung des Einander Verstehens. Die Sprache und der Dialog = Kunst der grossen Tragödien, des Mythos zumal und der Dramatiker
(Shakespeare) ist die des subtilen Aneinander Vorbei – Lebens und Sprechens. Rein gehörphysiologisch gesehen, hört der Andere mich nie so, wie ich mein Sprechen höre, oder wie ich mich vernehme. Ich mich vom Schädel-Inneren her, der Andere mich von aussen an ihn andringend. Wäre es anders, so würden wir vor unserer eigenen Stimme „davonlaufen“. (vergl. den großen deutschen Hör-Physiologen und Organiker Scheidt; Univ. Hamburg, Maturana, Santiago Univ.) Im Direkt = Ausgesagten liegt die Verletzung des Anderen. Ja, es ist gut gemeint. Zu gut.

  • Batya sagt:

    Doch können Missverständnisse zum Verhängnis werden, wenn zwischenmenschliche Beziehungen sich nach persönlichen Erfahrungen und Weiterentwicklungen, und nach vielleicht gescheiteren gemeinsamen Projekten, neu finden müssen. Wenn Menschen viele Jahren einen Weg gemeinsam gehen, gemäß unausgesprochen und trotzdem verabredeten Regeln gemeinsam tätig waren, diese jedoch durch die subjektive Entwicklung jedes einzelnen plötzlich Ihre Gültigkeit verlieren und der zukünftige gemeinsame Weg dadurch haltlos auf der zwischenmenschlichen Oberfläche treibt, zu einem filigranen, instabilen Gebilde wird, alles Gemeinsame ungewiss ist, und dazu kein klärendes Gespräch zu den Themen „Was ist und was könnte sein, was ist nun möglich und was nicht“ als reine Information an den anderen stattgefunden hat, dann können Missverständnisse, weil kein neues Fundament durch ein klärendes Gespräch für die Zukunft gebildet wurde, ein zukünftiges gemeinsames Sein zerstören. Dann kann ein, wenn auch nur kleines, Missverständnis zu dem berühmten Tropfen, der das Fass zu Überlaufen bringt, werden. Kükelhaus sagt: Wir bewegen uns auf einem gemeinsamen Lebensfluss und trotzdem geht jeder an dem jeweils anderen Ufer seinen ganz eigenen Weg. Missverständnisse sind dadurch naturgegeben, tragen den zwischenmenschlichen Dialog und bauen Brücken zum anderen Ufer. Das gelingt jedoch nur, wenn der gemeinsame Weg (Lebensfluss) nicht durch subjektive, persönliche Entwicklungen ebenso naturgegeben prinzipiell in Frage gestellt wurde und der Spatenstich für das neue Fundament nicht von beiden in gleicher Weise gewollt war. Dazu muss man sich klar und eindeutig verabreden, ohne dass die Saat für ein Missverständniss keimen kann.

  • Zsóka C. Deborah Pathy sagt:

    Weder Oben noch Unten weder Hier noch Dort ist meine Heimat. Ich höre, verstehe, liebe, spreche, zwecklos und unbeirrt : –
    wenn ich nichts mehr will.

    Meine Heimat liegt im:
    WOLLE NICHTS
    ich bin die Zsóka Wollenichts.
    Und das seit eben, just gerade JETZT.
    Kann der Mensch im Jetzt was wollen?
    Wo ist das Jetzt?
    Nirgends und überall wo ICH BIN.

Einen Kommentar schreiben:

Es kann ein paar Tage dauern, bis Ihr Kommentar sichtbar wird.