Heute

Das Gedicht von Joseph Beuys

Das folgende Gedicht habe ich vor vielen Jahren im Haus-Kurier des Hauses Aja Textor- Goethe, Frankfurt, gefunden. Es wurde Joseph Beuys zugeschrieben.

Lass Dich fallen

Lass dich fallen.
Lerne Schlangen beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemanden Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die „Ja“ sagen und
verteile sie überall in deinem Haus.

Baue eine Burg aus Decken.
Werde nass.
Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.

Mich haben diese Zeilen sehr irritiert. All meine Versuche, die Quelle zu finden, sind gescheitert. Immer wieder ist mir dieser Text begegnet; Quelle: unbekannt.

Jetzt weiß ich mehr: Das Gedicht ist von SARKSARK (Susan Ariel Rainbow Kennedy) und im Original mit HOW TO BE AN ARTIST überschrieben. Es wurde fälschlicherweise – auf Grund der deutschen Übersetzung des Titels mit „Jeder Mensch ein Künstler“ – Joseph Beuys zugeschrieben.

Diese Erkenntnis verdanke ich meinem Freund Ernst Föll, Meisterschüler von Joseph Beuys und einer unserer Berater im Schloß Freudenberg. Er hat mich vor wenigen Tagen auf die richtige Fährte gesetzt: Er berichtete mir von Adam Rainer Lynen, einem Beuys-Studenten, …

Im „DER GANZE RIEMEN“, Johannes Stüttgen, ebenfalls Meisterschüler von Beuys, finde ich zum Wintersemester 1971/72 folgende Textstelle:

„Hier noch das Lied (von Adam Rainer Lynen), dessen erste, leicht abgewandte Strophe Joseph Beuys oft mit lauter Stimme ertönen ließ, wenn er spätabends den endlosen Akademieflur von Raum 20 in Richtung Ausgang marschierte:

‚Im Dickicht der Welt
Immer allein und vogelfrei
Im verfilzten Dickicht der Welt.
Manchmal im Dunkel ein Eulenschrei.
Keine Liebe, kein Gott und kein Geld.

Stets auf der Hut, und die andern sind Hunde.
Steppenmann, der vergißt.
Ratten im Zwielicht. Rosige Stunde.
Und es bleibt, wie es ist.

Morgens ein Song und zur Nacht keine Wende.
Strophen eines Aufruhr-Gedichts.
Dieses Schweigen, manchmal, spricht Bände.
Worte wie Kometen … im Nichts.

Morgen geht es um Kopf und Kragen,
Einsamer Wolf, den die anderen Tiere jagen.
Leichnam, der in Schluchten verfault,
Wenn die Meute im Bergland jault.‘

Die beiden letzten Zeilen der ersten Strophe hörten sich bei Beuys so an:
Manchmal von Ferne ein Eulenschrei,
aber vorüber, vorbei!“

Mit dieser Aktion ist meine Irritation vorbei, mein Durst gestillt.
Es gibt ein Gedicht! Beuys sei Dank ein anderes …

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